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„Wir suchen nicht alte Fehler, sondern neue Chancen!“

Colin B. Nierenz
„Wir suchen nicht alte Fehler, sondern neue Chancen!“
Interview mit Kriminaldirektor Colin B. Nierenz, Leiter der BAO „Cold Cases“
LKA NRW

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen lässt nichts unversucht, um auch Jahre beziehungsweise Jahrzehnte zurückliegende Tötungsdelikte aufzuklären. Unter Federführung des Landeskriminalamtes NRW wurde dafür die Besondere Aufbauorganisation (BAO) „Cold Cases“ unter der Leitung von Kriminaldirektor Colin B. Nierenz eingerichtet.

Dabei handelt es sich um 28 ehemalige Ermittlerinnen und Ermittler der Polizei, die sich intensiv mit den alten Fall-Akten von 1970 bis 2015 befassen, diese analysieren und sie in eine digitale Datenbank einpflegen.


Herr Kriminaldirektor Nierenz, erläutern Sie bitte, mit welchem Ziel die Besondere Aufbauorganisation „Cold Cases“ gegründet wurde.

„Mord verjährt nicht. Hinter jedem unaufgeklärten Tötungsdelikt stehen aber nicht nur ein oder mehrere Täter, die noch nicht zur Rechenschaft gezogen wurden - vor allem sind es die Angehörigen der Opfer, die den Verlust eines geliebten Menschen verarbeiten müssen. Wir als Polizei sehen es als unsere Aufgabe, ihnen Gewissheit zu geben, was passiert ist. Auch wenn die Tötungsdelikte viele Jahre zurückliegen, sollen sie nicht in Vergessenheit geraten. Die BAO wurde mit dem Ziel gegründet, alte ungelöste Delikte noch einmal präzise zu betrachten, die jeweiligen Unterlagen digital zu sichern und im besten Fall, beispielsweise durch den Fortschritt bei den kriminaltechnischen Untersuchungen, neue Erkenntnisse zu gewinnen, die zum Täter führen. Wir gehen dabei nach dem Grundsatz vor: Wir suchen nicht alte Fehler, sondern neue Chancen.“


Von wie vielen ungelösten Tötungsdelikten sprechen wir hier?

„Es sind von 1970 bis 2015 etwas über 1.100 ungelöste Tötungsdelikte in Nordrhein-Westfalen. Die jeweils gewonnenen Erkenntnisse und der Ermittlungsstand sind von Fall zu Fall unterschiedlich. Wir wollen darüber hinaus ebenfalls die Akten von ungelösten Vermisstenfällen noch einmal gezielt betrachten.“

Wie sieht die Arbeit der BAO „Cold Cases“ also genau aus?

„Das Landeskriminalamt NRW und die Kolleginnen sowie Kollegen aus den örtlichen Polizeibehörden arbeiten Hand in Hand zusammen. Dafür hat das LKA zusätzlich die Cold Cases-Unterstützungskräfte eingestellt. Diese Unterstützungskräfte übernehmen ab so-fort die Sichtung und Analyse der alten Akten, befassen sich also nochmals intensiv mit den jeweiligen Sachverhalten und pflegen die vorliegenden Daten nach einem festgelegten Schema systematisch in unsere Cold Cases-Datenbank ein. Die CCD wird seit 2017 aufgebaut und soll gewährleisten, dass keine wertvollen Informationen und Erkenntnisse verloren gehen. Wir eröffnen damit den Kriminalistinnen und Kriminalisten die Chance, die Fälle aus der Vergangenheit zu lösen. Nach der Analyse durch die Unterstützungskräfte werden die Fälle ergänzend durch Fallanalytiker des LKA betrachtet. Daraus ergibt sich eine Gesamtbewertung des Falles. Wenn sich neue Ermittlungsansätze ergeben, werden diese in Fall- und Spurenkonferenzen mit den örtlich zuständigen Polizeibehörden erläutert und dort weiter bearbeitet. Die Cold Cases-Unterstützungskräfte selber werden dabei nicht operativ tätig.“


Worin liegt es begründet, dass die BAO „Cold Cases“ hofft, Erkenntnisse zu gewinnen, zu denen man früher nicht gekommen ist?

„Das lässt sich vor allem mit der Entwicklung und dem Fortschritt bei kriminaltechnischen Untersuchungen begründen. Ob die Zuordnung von Fingerabdrücken, die DNA-Analyse oder andere, moderne Methoden - es gab enorme Fortschritte. Hätte man diese Techniken damals anwenden können, hätten einige Tathergänge eventuell rekonstruiert werden und der Kreis der potentiellen Täter möglicherweise eingeschränkt werden können. Das ist keine neue Erkenntnis, nur fehlten bisher die nötigen personellen Ressourcen, um solch ein strukturiertes Vorgehen umzusetzen. Dieser Auffassung war auch das Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen und hat uns die finanziellen Mittel zur Einstellung von 28 ehemaligen Ermittlerinnen und Ermittlern als Regierungsbeschäftigte bewilligt. 24 Stellen konnten wir zum 1. November besetzten, weitere vier folgen am 1. Dezember.“


Und warum werden dafür ehemalige Ermittlerinnen und Ermittler herangezogen und nicht neue Kolleginnen und Kollegen eingesetzt?

„Das Sichten und Digitalisieren der Akten ist keine Arbeit, die mal eben neben den sonst anfallenden Aufgaben erledigt werden kann. Die Belastungen durch die stets neu herein-kommenden Fälle in den Polizeibehörden sind zu hoch. Die 24 neu eingestellten Beschäftigten leisten die notwendige Unterstützung und sollen eine Entlastung darstellen. Sie können sich den ihnen zugewiesenen Fällen mit voller Aufmerksamkeit und ohne Zeitdruck widmen. Dabei ist ihre langjährige Berufserfahrung wichtig. Zusätzlich haben wir ihnen in einem Auffrischungskurs erläutert, welche neuesten Entwicklungen es im Bereich der kriminaltechnischen Untersuchungen gibt. Diese Arbeit kann nicht von Polizisten oder Angestellten geleistet werden, die noch keine Erfahrungen in diesen Bereichen haben."

Das Landeskriminalamt konnte sich über eine Vielzahl an Bewerbungen von ehemaligen Ermittlerinnen und Ermittlern freuen. Nach welchen Kriterien wurden die nun eingestellten Cold Cases-Unterstützungskräfte ausgewählt?

„Das stimmt, viele haben ihr Interesse bekundet. Das verdeutlicht nochmals, auf welch positive Resonanz die Idee gestoßen ist. Das Auswahlverfahren lief strukturiert ab und unterlag zwei Hauptkriterien. Wir haben berücksichtigt, wie lange die Pensionierung zu-rückliegt und das Erfahrungswissen der Interessenten betrachtet. Letztendlich wurde ein Ranking erstellt, aus denen die jetzt insgesamt 28 Unterstützungskräfte als geeignete Kandidaten hervorgegangen sind. Unter den neuen Kolleginnen und Kollegen sind z.B. ehemalige Leiter von Mord-Kommission, ebenso wie Fachleute für kriminaltechnische Untersuchungen.“

Kann man davon ausgehen, dass den Cold Cases-Unterstützungskräften bevorzugt Fälle zugewiesen werden, die sie von früher kennen?

„Nein, ganz im Gegenteil. Wir achten darauf, dass genau das nicht passiert. Unser Grundsatz ist es, dass niemand dort seinen Dienst versieht, wo er früher schon einmal gearbeitet hat. Die Sachverhalte sollen mit einem unvoreingenommenen, neuen Blick betrachtet werden. In diesem Zusammenhang sollte betont werden, dass unsere Unterstützungskräfte nicht auf der gezielten Suche nach alten Fehlern sind, sondern dass sie die Dokumente auf der Suche nach neuen Ansätzen durcharbeiten.“

 

(Das Interview führte Maren Menke, Pressesprecherin des LKA NRW.)

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